Andreaskreuz 170

Aus der Galerie


Perkiomen 2001
Image Detail

Jetzt online

Keiner

QR-Code

QR-Code dieser Seite

Studienfahrt Indien 2011 – Kuh müsste man sein

IndienStudienfahreroder Elefant. Aber kein Mensch. 

Dafür ist in Indien einfach kein Platz. Das haben wir relativ schnell mitbekommen: Wenn man im Verkehrschaos nicht untergehen möchte, hat es klare Vorteile, eine Kuh zu sein. Denn zum Überqueren einer Straße wurde auf unserer Reise durchaus schon mal eine Rickshaw herangewunken oder unser indischer Fahrer hat uns samt Bus auf die andere Seite gebracht. Wenn wir aber eine Kuh gewesen wären, wäre das Überqueren kein Problem gewesen: Jeder hätte uns umkurvt oder sogar angehalten. 

Als Kuh wären wir auch weitaus weniger aufgefallen – eine Gruppe, bestehend aus zehn Europäern und dann auch noch ausschließlich Blonden beziehungsweise Grauen, fällt dann doch stärker auf als ein Wiederkäuer, der die Straße betritt. Da wurde man schnell zum beliebten Fotomotiv der Inder für das private Fotoalbum und interessanter als die Devotionalien im Meenakshi-Tempel in Madurai.
Mit unserem Erscheinungsbild wurden wir nicht nur zu Motiven für das Posieren vor der Kamera, sondern auch zu Opfern für den eigentlich wahren Nationalsportart Indiens: das Feilschen (nicht etwa Cricket!). Als Tourist hat man bei diesem Spiel schon von vornherein schlechte Karten: Denn der Preis ist definitiv höher, als wenn er für einen Landsmann vorgeschlagen wäre. Aber was tut man nicht alles. Schließlich will man ausgerechnet dieses Paar Schuhe, diese Tücher und diese Kissenbezüge ja unbedingt haben! Und mit dem einmal angesprochenen Ehrgeiz macht Feilschen auch um kleinste Beträge Spaß – durchaus auch für die indische Gegenseite. In Einkaufsstraßen wurde man mit den Worten „Gucken kost´ nix“ in jeden Laden gelockt. Hatte man einmal Interesse für einen bestimmten Schal gezeigt, hatte man innerhalb weniger Sekunden den kompletten Ladentisch mit dem halben Sortiment vor sich. War gerade eine bestimmte Farbe nicht vorrätig, konnte man ja immer noch aus dem Laden von nebenan eine Riesenauswahl heranschaffen.
Wäre man nun also eine Kuh gewesen, so hätte man sich nicht um Preise kümmern müssen, wäre man nicht weiter aufgefallen und man hätte auch nicht das elementare Problem der modernen Kommunikationsmittel gehabt. Denn die erste Frage, die in einem Hotel gestellt wurde, war nicht etwa die nach dem Stadtplan, dem nächsten Restaurant oder der Wettervorhersage für die nächsten Tage, sondern ob denn Wi-Fi vorhanden sei. Wenn denn nun, Globalisierung hin oder her, keine Verbindung zur Außenwelt hergestellt werden konnte, blieb noch immer eine Telefonzelle, die isoliert von dem lauten Getöse mehr oder weniger zuverlässig und ein angenehmer Aufenthaltsort war.
Als Kuh hätte man vielleicht auch nicht die Probleme bekommen, die auf uns warteten: Nicht nur, dass die Hitze durchaus nicht mit den Temperaturen im deutschen Sommer zu vergleichen wäre, sondern auch hygienisch und kulinarisch. Nach 2 ½ Wochen Indien stand Reis bei unserer Rückkehr nach Hause erst einmal nicht mehr auf dem Speiseplan – irgendwie war Reis zum Frühstück/Mittag/Abendessen dann auch genug. Sonderwünsche in Restaurants:„Not spicy, PLEASE!“, wurden scheinbar überhört und eine Staude Bananen gehörte zur Grundausstattung jeder längeren Bustour. Trotz vorsichtigen Umgangs mit Essen und Umgebung blieb die Gruppe nicht von Krankheiten verschont – es ist, um ehrlich zu sein, kein einziges Gruppenfoto mit vollständiger Gruppe entstanden.
Indien Jahn_diskutiert_mit_DorfjugendTrotz allem haben wir auf der Studienfahrt natürlich auch studiert – unter dem Thema „Globalisierung in einem Schwellenland am Beispiel Indien“ waren wir unterwegs, um einen Film zu drehen. Gegenstand des Films werden dann nicht nur die neu kennengelernten Eigenheiten der Inder sein, sondern eher die Ergebnisse unserer Untersuchungen vor Ort. Als Kuh hätten wir bestimmt nie herausgefunden, dass die „Spreewaldgurken“ überwiegend aus Indien stammen, genauer gesagt aus Dindigul. Auch Auroville bot mit seiner Internationalität genügend Filmmaterial: Als Gemeinschaft wollen die Aurovillianer Vorbild für die ganze Welt sein. Mit Motorrädern ausgestattet konnten wir das von der restlichen indischen Welt isolierte alternative Dorf erkunden. Leider waren die Motorräder mehr in der provisorischen Werkstatt als „on the road“. Auch ein Ausflug auf die auf normale indische Fahrweise befahrene Straße war nicht geplant, aber es war durchaus ein Abenteuer, im Dunkeln im Linksverkehr mit platt gefahrenen Reifen zwischen Fahrrädern, Menschen, Rickshaws und natürlich den uns bekannten Kühen den mehr oder weniger unbekannten Rückweg zu bestreiten. Aber wer Angriffe von Affen, die des morgens auf dem Fensterbrett des Zimmers lauern, überlebt, der übersteht auch die ein oder zwei Fehlnavigationen. Als Kuh hätte man bestimmt auch nicht den Weg in die Kodi Hills gefunden, hoch zu unserer Partnerschule KIS – mit einem gefühlten Temperaturunterschied wie zwischen Wüste und Antarktis. Wie es ist, ist es aber auch immer falsch ...
Wenn man es nun also genauer betrachtet, hätte man als Kuh vielleicht nicht so viel erlebt wie wir. Denn wie hätte eine Kuh Motorrad fahren können? Oder das Herstellungsverfahren von „deutschen“ Gewürzgurken erkunden? Wie die Geburt eines T-shirts in einer Baumwollspinnerei erleben? Dem eigenen Ich und der Weltmutter im geheimnisvollen Muttertempel von Auroville nachspüren? Sich mit einer Dorfgemeinschaft über ein erfolgreiches Mikrokreditprogramm freuen? Oder die herzliche Gastfreundschaft unserer indischen Partner genießen? Mit Händlern um ein paar Rupies feilschen? Oder seine Wäsche des Nachts in der Hotelbadewanne waschen? …
Wir hatten es schon nicht so schlecht, so wie es war. Dafür verantwortlich sind natürlich vor allem unsere Leit-Kühe Herr Jahn und Herr Kotlenga, die bei den wenigen Kälbereien und Zickereien (fast) immer den Überblick behalten haben und diese Fahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben. Danke für jeden Chai, jedes Gespräch und jede Erfahrung.
Nangreeih!
Lena Bode

ShoppingASEhandelASErhvervIndexDKServiceIndexDK