Erweiterung oder Vertiefung? Wie kommt Europa aus der Währungskrise? Welchen Einfluss besitzt die EU im Hinblick auf unsere zukünftige Energiestrategie? Gehört die Türkei in die Europäische Union? Und ist Norwegen vielleicht zu gut für die EU? Diese und weitere Fragen diskutierten die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen am Montag, 16. Mai, im Telemansaal mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern von Politik, EU-Kommission und aus der Wissenschaft.
Europa 2050, mit verschiedenen Facetten dieses Themas hatten sich die 10. Klassen in den letzten Wochen im Politikunterricht intensiv beschäftigt und eine eigene Ausstellung zum Europatag zusammengestellt. Hier konnten sich die Besucher über den Verlauf der Europäischen Einigung informieren, sich mögliche Zukunftsszenarios für die EU, die Funktionsweise der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik unter die Lupe nehmen oder etwa die Verteilung der Atomkraftwerke in Europa betrachten. Der Europatag selbst wurde von der Fachgruppe Politik auf Anregung von Dr. Nils Behrndt veranstaltet. Berndt ist als ehemaliger Schüler des Andreanums inzwischen als Vize-Kabinettschef beim europäischen Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz John?Dalli (Malta) in Brüssel tätig.
Der Europatag begann zunächst mit einer für Schülerinnen und Schülern wichtigen praktischen Frage zur Stärkung der europäischen Vernetzung: Lydia Holter, Studentin an der Universität Hildesheim, berichtete praxisnah über die verschiedene Wege, um im Anschluss an den Schulbesuch im Ausland eigene Erfahrungen zu sammeln. Sie selbst konnte mit Unterstützung des EU-Programm „Europeers" in Frankreich in einer Herbergseinrichtung arbeiten und in dieser Zeit ihre eigene Berufsperspektive klären. Lydia Holter erläuterte auch die anderen Programme für einen Auslandsaufenthalt und hatte umfangreiches Informationsmaterial dabei.
Im Anschluss stand ein aktuelles Thema an: Dr. Behrndt stellte die verschiedenen europäischen Initiativen zur Reaktorsicherheit im Zeitalter nach Fukushima vor und ging dabei auch auf die aktuelle Ausgestaltung der europäischen Stresstests für Atomkraftwerke und die Rahmenvorgaben der EU zur Endlagerproblematik ein.
Zur abschließenden Podiumsdiskussion konnte Europatag-Organisator Bernhard Setzer den Hildesheimer Bundestagsabgeordneten und Staatsminister bei der Bundeskanzlerin Eckart von Klaeden und Rebecca Harms, Mitglied des Europäischen Parlaments (und dort gemeinsam mit Daniel Cohn-Bendit Fraktionsvorsitzende der Grünen) begrüßen. Dr. Nils Berndt, Prof. Dr. Michael Gehler, Professor für Geschichte an der Universität Hildesheim mit dem Schwerpunkt Europäische Geschichte sowie Robert Butz, Christopher Paskowski, Judith Loos aus den 10. Klassen komplettierten ein interessant besetztes Podium. Zwei Stunden wurden Perspektiven für die Eu des Jahres 2050 im Hinblick auf eine Vertiefung und mögliche Erweiterungen diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Forderung nach heute überzeugenden politischen Visionen für ein Europa von Morgen. Auf der anderen Seite wurden aktuelle Fragen diskutiert, etwa über mögliche Lösungsansätze für die Eurofinanzkrise oder neue Grenzkontrollen trotz Schengener Abkommens. Judith, Robert und Christopher brachten dabei ihre im Unterricht gesammelten Erfahrungen ein.
Am Ende der Debatte entstand bei Schülerinnen und Schülern der Eindruck, dass die Zeit der leidenschaftlichen Begeisterung gerade der Jüngeren für Europa zwar abgekühlt sei. Zu oft dominiert in der EU der kleinste gemeinsame Nenner in stundenlangen Nachtsitzungen ausgehandelter Minimalkompromisse. Andererseits gibt es zur Europäischen Einigung keine sinnvolle Alternative. Deshalb war Leidenschaft zur Gestaltung der politischen Vernunft eines gemeinsamen europäischen Hauses im Sinne des Altkanzlers Helmut Schmidt beim Europatag 2011 im Andreanum durchaus zu spüren.
J.Surborg

