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Werkstattbericht: „Der gestiefelte Kater“

Zwei Sätze sind bei den meisten wohl in bleibender Erinnerung geblieben: Erstens der Begrüßungssatz von Carina Heidkamp zum Auftakt der Probenphase des Stücks „Der gestiefelte Kater“ von Ludwig Tieck:  „Wir wollen nicht nur Schultheater machen, wir wollen ausgezeichnetes Schultheater machen!“,  und zweitens, womit Jan Krauter, Ex-Andreaner und nun Schauspieler am Staatstheater in Stuttgart, seinen Workshop Mitte September dieses Schuljahres begann und gleichzeitig das zurückliegende Jahr ziemlich treffend beschrieb: „Hier werdet ihr ein ganz neues Selbstbewusstsein erlernen.“

kater1Nachdem wir wenige Wochen damit zugebracht hatten, uns gegenseitig kennen zu lernen und Blockaden vergessen zu lernen, bekamen wir alle das kleine gelbe Heftchen mit der Aufschrift „Der gestiefelte Kater“ in die Hand gedrückt und dann ging es los.

Wir lernten das Stück und seine Tücken kennen. Es handelt sich um einen Theaterabend, an dem eine Laienschauspielgruppe versuchen will, den allseits bekannten „Gestiefelten Kater“ aufzuführen. Das jedoch endet in einer Katastrophe und das liegt nicht zuletzt an einem besserwisserischen Publikum, das sich ständig einmischt, einem cholerischen König, einem verzweifelten Dichter, der es allen recht machen will, und aus der Rolle fallenden Schauspielern. Eigentlich läuft an diesem Abend alles schief, was so schief laufen kann. Also ist „Der gestiefelte Kater“ von Ludwig Tieck aus dem Jahre 1797 keinesfalls „nur“ ein „romantisches Märchen“, sondern eine urkomische, manchmal dramatische Geschichte eines Theaterabends, den sich so niemand wünscht, der aber durch seine Verstrickungen zwischen Realität und Fantasie, Freude und Trauer unglaublich viel Spaß macht; sowohl Zuschauern als auch Schauspielern. Nachdem nun jeder wusste, womit wir es zu tun hatten, wurden Rollen verteilt, Texte gelernt (bei manchen nahm das ein halbes Jahr, bis zum Tag vor der Premiere in Anspruch…) und es wurde geprobt, geprobt und geprobt. Schon bald stellte sich heraus, dass der Donnerstag mit seinen zwei Stunden Probenzeit viel zu wenig war und dass man „Selbst-Bewusstsein“ auf zwei Arten verstehen muss. Einerseits das „normale“ Selbstbewusstsein; denn nachdem die Gruppe zusammengeschweißt war, war das Wort Blamage verbannt. Sie hatten Recht gehabt: Wenn man als Feuer im Kreis läuft und Affenlaute von sich gibt oder als Wasser mit zehn Personen auf zwei Quadratmetern rauschend übereinander klettern muss, dann kann man sich nicht wirklich Gedanken darüber machen, wie man dabei aussieht,  und man kann sich auch keine Sorgen um diejenigen machen, die draußen vorbei laufen und sich fragen, ob das Andreanum jetzt eine neue Selbsthilfegruppe hat. Das andere Selbstbewusstsein betrifft den Körper, dessen man sich mehr als bewusst wird, wenn man die blauen Flecken nach Hause trägt und Muskelkater an Stellen hat, wo man keine Muskeln vermutete. 

kater2Ab jetzt sah man auch regelmäßig an den Wochenenden und während der Ferien(!!!) fünfzehn bis zwanzig junge Menschen in Jogginghose mit „Sandwichmakern“, Kaffee und gelben Heftchen, die schon nicht mehr ganz so gelb waren, den Telemannsaal besetzen und über das Schulgelände geistern. Bis zu den Osterferien beschränkten wir uns zum Arbeiten auf die Bühne im Telemannsaal. In den Osterferien allerdings wurde der Begriff „Theater spielen“ etwas ausgeweitet. Und zwar auf die Baumärkte im Umkreis (bei denen wir uns am Ende eigentlich so etwas wie den Kundenpreis 2011 verdient hätten), die Stoffläden in der Innenstadt, den Werkraum im Andreanum… Es gab keinen Bereich, den wir nicht besetzt hatten. In der Mitte des Telemannsaals entstand das kreative Zentrum, in dem Baupläne für das Bühnenbild ent- und verworfen wurden, Farben auf Einkauflisten geschrieben wurden und auf dessen Anweisung Frau Heidkamp mit erstaunlicher Gelassenheit zwischen sieben und zehn Mal pro Tag zum MAX BAHR fuhr. Wir alle hatten dann ihre Handynummer, sodass wir ihr, auch wenn sie unterwegs war, immer sagen konnten, welchen Läden sie jetzt noch einen Besuch abstatten müsste. Wenn sie sich nicht gerade zwischen mittelgrünem und starkgrünem Grün in Regal 7C entscheiden musste, sorgte Frau Heidkamp dafür, dass uns unsere Rollen in Fleisch und Blut übergingen. Einzelproben mit einer Dauer von ca. 2 Stunden konnten hierbei durchaus hilfreich sein. Während dieser Zeiten durften alle anderen selbstständig proben oder Kostüme umnähen oder Bäume und Kutschen aus Sperrholz bemalen oder Stellwände schreinern. Arbeitsmangel herrschte bei uns definitiv nicht. Nachdem sich unsere Arbeit von den Donnersta
gen auf die Wochenenden und vom Telemannsaal auf die Schule ausgeweitet hatte, hielt „Der gestiefelte Kater“ sehr bald Einzug in unser tägliches Leben. Eltern mussten sich 20-minütigen Monologen aussetzen (und das bis zu 17 Mal pro Woche), Lehrer mussten sich auf den Gängen über Schüler wundern, die sich voreinander verbeugten,  und insbesondere die Lateinlehrer müssen sich über diejenigen gefreut haben, die mit dem Wahlspruch der faulen Wirtin des Stücks,  „Ora et labora“, aneinander vorbeigingen. In der Woche der Premiere entlasteten wir unsere Schule etwas, indem wir in das Vierlinden umzogen, waren aber immer noch mehr als präsent aufgrund der Plakate, die überall (quasi in ganz Hildesheim) zu finden waren.

kater3Das Vierlinden hat eigentlich ein Riesenkapitel über Nervenzusammenbrüche, kleine und große Wutausbrüche, Freudentänze, Katastrophen und sechsstündige Umbauproben verdient. Wir wollen uns aber jetzt darauf beschränken, dass es, nachdem wir dort eingezogen waren, der beste Zweitwohnsitz war, den wir uns hätten aussuchen können. So kam es nach einem Jahr intensiver Arbeit am Donnerstagabend des 23. Juni 2011 zur Premiere. Noch Tage und Wochen nach den drei Vorstellungen mussten sich Freunde, Eltern und eigentlich jeder anhören, wie viel Spaß es gemacht hat und wie sehr wir eine Wiederaufnahme wollen. Nicht zuletzt müssen wir uns noch einmal ganz herzlich bei Carina Heidkamp bedanken, die uns ausgehalten hat und bei dir wir alle unglaublich viel gelernt haben!
Christopher Paskowski

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