All das ist ja nun viele Jahre her und dass ich jetzt noch in dem ganzen alten Kram stöbern soll... Die Arbeit an „Awopbopauloobop alopbamboom“ begann vor gut zwanzig Jahren, als Eberhard Schneider und ich - nach dem eher düsteren, mystisch-symbolischen Stück „No. 4: Treibgut“ - nach einem gefälligeren, populäreren Stoff suchten. Damals gab es am Gymnasium Andreanum eine Rock?n?Roll-AG, unter der Leitung von Carsten Hennies, und die Idee, die vielen tanzenden Schüler und Schülerinnen in unsere Arbeit miteinzubeziehen.
Das führte uns wie von selbst in die Fünfzigerjahre, in die Welt von Little Richard, Elvis Presley, Bill Haley und all den anderen. Ich selbst arbeitete den schlichten Plot aus (der mir übrigens viel bedeutet), schrieb einige wenige Szenen und legte mit Hilfe historischer Tabellen die Namen fest; Eberhard Schneider, der die Rock?n?Roll-Ära wie überhaupt alles andere im kleinen Finger hat, suchte aus und begann, sie entsprechend der Handlung neu zu texten. (Das gelang ihm gut: Kann man „Don?t know much about history“ besser übersetzen als mit „Ich weiß gar nichts von Cicero“?) Erst dann präsentierten wir das Projekt der AG Musiktheater – und riefen einen Sturm der Entrüstung hervor. Die jungen Leute waren den Tiefsinn des vorigen Stücks gewohnt und hielten die Geschichte des Loosers Paul und vor allem den Besuch der Außerirdischen im Hildesheimer Wald für albern und überflüssig. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit begannen sie, Spaß an der alten Musik und den neuen Texten zu finden. Die Aufführung im August 1992, einer der größten Erfolge der AG Musiktheater am Andreanum, war aus heutiger Sicht sehr bescheiden: Die fünf Musiker standen am Rand der Bühne, die Darsteller sprachen, sangen und schrieen ohne jedes Mikrophon - keine Mikroports, keine Videokonferenz, kein digitales Mischpult usw. usw.
2010 war ich dann wieder auf der Suche. Klar war, dass nach den zwei Großprojekten „Pinkelstadt“ und „Ein Sommernachtstraum“, für die wir nicht nur Text und Musik einstudiert, sondern auch zwei Theater (in der Turnhalle und in der Drispenstedter Scheune) aufgebaut hatten, etwas Einfacheres und mit weniger geradezu außerirdischem Arbeitseinsatz zu Bewältigendes folgen sollte. Die Entscheidung, ein altes Projekt wiederzubeleben, hatte drei Gründe: Librettist Schneider stand nicht mehr zur Verfügung, hatte das Andreanum verlassen, um einen Posten in Sarstedt anzutreten. Zum zweiten konnte man mit einer Wiederaufführung eines fertigen Projekts das alte Missverhältnis von vielen Monaten Arbeit und einem Dutzend Stunden Aufführungsdauer etwas günstiger gestalten. Zum dritten war mit Martin Schuster ein Talent in die AG Musiktheater eingetreten, dem ich die Bewältigung der großen Hauptrolle zutraute. - Freilich sind inzwischen fast zwanzig Jahre vergangen: Wenn in der Erstversion der altgewordene Paul seine „seltsame und betrübliche Geschichte“ erzählt hat, begegnet er seinem Sohn. 2011 aber ist Paul Zywczok 68 Jahre alt und trifft auf seinen Enkel - man brauchte also einen Schauspieler, der einigermaßen glaubwürdig das Großvater-Alter verkörpern konnte. So kam ich zu meiner ersten Rolle.
Nun hätte es eigentlich losgehen können... Die Texte wurden verteilt, Schauspielübungen und Überlegungen zur Besetzung setzten relativ früh ein. Auf der musikalischen Seite begann Paul Martin Schencke die Musiker um sich zu sammeln, die später zu der genialen Band werden sollten, die unsere Aufführungen getragen hat. Und dann gab es aber doch die eine und dann auch die andere und schließlich auch noch die dritte Schwierigkeit. Die eine ließ sich schnell beheben: Ich kam zuerst mit Martin Schusters Herangehensweise an die Figur des Paul Zywczok gar nicht zurecht, weil ich die alte nur schwer überschreibbar abgespeichert hatte. Erst allmählich konnte ich mich davon lösen und mich auf etwas Neues einlassen. Inzwischen finde ich, dass Martin zu einer Darstellung gefunden hat, die auf der Schultheaterbühne etwas Besonderes und besonders Gelungenes ist. - Die andere Schwierigkeit waren einige Teile des fast zwanzig Jahre alten Textes, von denen wir annahmen, dass sie im Jahre 2011 nicht mehr wirken würden. Librettist Schneider hatte sich damals ja an sein zweisemestriges Theologiestudium erinnert und die Außerirdischen in einem von ihm großartig nachempfundenen oder erfundenen Luther-Deutsch reden lassen. Sätze wie „Haben wir doch keineswegs alle Elementa erforscht, nach deren Aufklärung uns gelüstet. Wir bleiben und werden weiterhin eure Richtschnure und Winkelmaße notieren.“, hielten wir aber nun, im Talkshowzeitalter, für nicht mehr vermittelbar. Da traf es sich günstig, dass wir mit Samuel Werz einen fast waschechten Schwaben in unserem Team hatten. Zwar verwarfen wir den Plan, alle Außerirdischen schwäbeln zu lassen, sehr bald (weil es wohl nichts Peinlicheres gibt, als Niedersachsen schwäbischen Dialekt sprechen zu lassen), aber die Idee, dass jeder Außerirdische seinen Sprachcomputer zu einer anderen Zeit und auf einen anderen Ort gerichtet und damit ganz unterschiedlich programmiert hatte, folgte sofort.
Die dritte und größte Schwierigkeit war der für mich ganz neue und verstörende Schrumpfungsprozess der AG Musiktheater. Immer schon war es passiert, dass der eine Schüler oder die andere Schülerin pünktlich zehn Minuten nach offiziellem Probenbeginn eintraf und mitteilte: „Ich habe einen Anruf/eine SMS von XY bekommen. Er/ sie kann nicht kommen. Er/sie konnte seine/ihre Fahrstunde/seine/ihren Termin beim Kieferorthopäden/ seine/ihren Nachhilfe-Unterricht umlegen. Es tut ihm/ihr sehr Leid.“ Was aber jetzt passierte, war neu: Dass sich nämlich Schüler und Schülerinnen im laufenden Prozess von der Arbeit in der AG verabschiedeten, weil sie andere und für sie wichtigere Aufgaben gefunden hatten oder die zeitliche Belastung nicht mehr tragen wollten. Noch in den Sommerferien dieses Jahres 2011, also nur wenige Wochen vor den seit langem geplanten Aufführungen, erhielt ich E-Mails von Schauspielern, Musikern, Regieassistenten, die Proben, Arbeitswochenenden und sogar ihre Teilnahme überhaupt absagten. Die nächsten Jahre müssen zeigen, ob die aufwändige Musical-Arbeit unter den Bedingungen der zwölfjährigen Schulzeit und der allgemeinen Beschleunigung noch gewünscht und möglich ist - zumal die Belastungen des schulischen Lebens und des Unterrichts immer schon erheblich waren.
So fuhr ich zum Probenwochenende kurz nach Schuljahrsbeginn eigentlich mit der Entscheidung, das Projekt entweder abzusagen oder auf eine kleine Aufführung mit Werkstattcharakter im Telemannsaal zu beschränken. Dort aber, auf der Katlenburg bei Northeim, geschah das Wunder: Endlich sprang der entscheidende Funke auf, so nahm ich es wahr, wirklich alle Beteiligten über. Die recht autoritär durchgesetzten Umbesetzungen, die wegen der vielen Absagen nötig gewesen waren, erwiesen sich als Glücksgriffe. Tobias Quindels Arrangements und Paul Martin Schenckes Band klangen phantastisch. Die Motivation der Schauspieler und Musiker stieg sprunghaft an. In den Probenpausen wurde nun über das Projekt geredet und nicht mehr über Handytarife, Facebook-Entartungen und Fahrstundentermine. Euphorisch verließen wir die Katlenburg.
Parallel zu den Proben arbeitete ein kleines Team um Susanne Schwartz an den Röcken der Mädchen für die Tanzstundenszene - und ermöglichte so erst das wunderbare Bild der nebeneinander aufgereihten, ihren Wunschtraum träumenden Teenager. Und ebenso engagiert arbeiteten die Schüler und Schülerinnen der 10L1 unter der Leitung von Siegfried Musiol an dem von ihnen erdachten und geplanten cleveren Wandelbühnenbild. Die Maskenbildnerinnen, eine schon bewährte Crew um Tita von Rössing, besorgte die nötigen Mengen von außerirdischer Glitzerpaste. Einige kräftige Striche im Originaltext lösten alle Probleme mit nicht vorhandenen Schauspielern. - Schon ein paar Tage später waren wir im Audimax: Die erheblichen technischen Probleme auf einer Bühne, die inzwischen gar nicht mehr zu Theateraufführungen genutzt wird, ließen sich weitestgehend lösen. In heiterer Erinnerung ist mir, dass in der Szene Engelchen-Teufelchen- Paul das kleine Raumschiff - statt mit mystischen Klängen sanft herabzuschweben - mehrmals mit lautem Platschen aus dem Bühnenhimmel auf den Boden fiel, nur ein paar Zentimeter neben die Darsteller.
Endlich, am 9. September 2011, war alles geschafft. Der Vorhang ging auf und als Nebendarsteller durfte ich den ersten Satz des Abends sprechen: All das ist ja nun viele Jahre her, und dass ich jetzt noch in dem ganzen alten Kram stöbern soll...
Wolfgang Volpers

