
Tausende Schüler, Eltern und Freunde aus dem Raum Hildesheim feiern dieser Tage den Erfolg der AbiturientenHildesheim (cha). Die Erleichterung steht Nele, Julia und Maike geradezu ins Gesicht geschrieben. Sie haben es geschafft. Haben ihr Abitur in der Tasche, und damit die Voraussetzung für ein mögliches Studium erreicht. Aber von den drei jungen Frauen fällt noch aus einem anderen Grund eine Riesenlast ab: Sie waren drei von neun Schülern des Andreanums, die parallel zu den Abi-Vorbereitungen den anschließenden Abiball geplant haben. Und das kann mitunter ganz schön schlauchen, wie die drei aus leidvoller Erfahrung berichten können.
Sonnabendabend, 20.30 Uhr: Die Showband auf der Bühne zieht ihr erstes Ass aus dem Ärmel. Chubby Checkers „Let’s twist again“ lässt die Gäste des Andreanum- Abiballs auf die Tanzfläche strömen. Rund 500 Besucher haben sich in der Sparkassen- Arena eingefunden, um die frisch gebackenen Abiturienten zu feiern. Allein in der Sparkassen-Arena und der Halle 39 werden es bis zu den Sommerferien 7000 Feiernde von Goetheschule, Josephinum, Robert-Bosch-Gesamtschule und vielen weiteren Schulen aus der Region sein.
Dabei folgen viele Schulen einem Trend: Sie vergeben einen Großteil der anfallenden Arbeiten an einen externen Bankettveranstalter. Im Fall der Andreaner ist dies das M&P Management aus der Andreaspassage. Das Unternehmen übernimmt bereits für neun örtliche Schulen einen Teil der Organisation. „Im nächsten Jahr kommt noch eine zehnte dazu“, freut sich Geschäftsführer Tim Melches. Allerdings hat die professionelle Betreuung auch ihren Preis – und den müssen sich die Schüler über die Tickets wieder in die Kasse holen. 22 Euro bezahlen die Ball- Gäste des Andreanums pro Karte. Ein Betrag, der nicht wenige Besucher schlucken lässt. Und der auch zu kritischen Gesprächen an den rund 90 Tischen führt.
Vieles von dem, was jetzt wie selbstverständlich die Tische ziert oder als Dekoration am Rande auftaucht, haben die Schüler dabei selbst vorbereitet. „Ich bin seit fast zwei Jahren mit dem Abiball beschäftigt gewesen“, sagt Nele Belau. Die 18-Jährige selbst hört den Begriff zwar nicht so gern, aber sie ist so etwas wie die „Chefin des Ball-Komitees“ gewesen.
Bei ihr liefen die Fäden zusammen. Und damit auch ein großer Teil der Verantwortung. Vor allem die Sorge um die Finanzierung des großen Abschlussfestes schwappte vom Vorbereitungs-Team bis in die Familie der „Chefin“ hinein. Weil Nele noch keine 18 Jahre alt war, sprang sogar ihr Vater Andreas als unterzeichnender Vertragspartner ein, wenn die Schüler „Ball- Geschäfte“ abschlossen. Und so sind auch Andreas Belau und seine Frau Ninette nicht nur schwer begeistert von den schulischen Leistungen ihrer Tochter (Abi- Durchschnitt: 1,1), sondern genießen es, dass jetzt eine schwere Last von den Familien- Schultern fällt.
Dabei haben Neles Eltern von Anfang an ihre Tochter geglaubt. „Wenn es schwierig wird, kommt sie erst richtig in Fahrt“, weiß Mutter Ninette, die Lehrerin in der Region Hannover ist. Allerdings verzichtete Nele in der heißen Phase auch auf einiges: Etwa aufs geliebte Cellospielen. Seit ihrem sechsten Lebensjahr übt sie jede Woche an dem Streichinstrument. „Aber in den vergangenen Monaten habe ich es nicht mehr geschafft“, erzählt sie. Doch der Verzicht hat jetzt ein Ende. Nach dem Abiball kommt auch das Cello wieder aus der Ecke. Und danach? Die Chef-Organisatorin hat ihre berufliche Zukunft schon fest im Blick: Die 18-Jährige will so schnell es geht ein Medizinstudium aufnehmen. „Am liebsten in Kiel, weil ich dort nah am Meer wäre“, sagt sie. Dann stürzt sie sich mit ihren Freundinnen wieder ins Getümmel.
Tim Melches ebenfalls. Der Abiball- Spezialist absolviert derzeit einen Fest- Marathon. Die Lehrerband des Goethegymnasiums hatte am Freitagabend ihre Instrumente noch nicht richtig eingepackt, da tauchten schon fast die Schüler des Andreanums mit ihren Efeu-Gestecken auf. Und wenn Nele, Julia und Maike ihren letzten Sekt geschlürft haben, dürften auch schon die ersten Vertreter von Josephinum und Marienschule in der Sparkassen- Arena auftauchen, um den Ball ihrer Einrichtungen vorzubereiten. 1200 Gäste erwartet der Veranstalter. „Da wird der Saal richtig voll sein.“
© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 09.07. 2012

