Andreaskreuz 170

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Schrei vor der Rolltreppe

Eröffnungen im Kreishaus

(Prante) HILDESHEIM. Kartenhäuser sind von ihrer Konstruktion her nicht sehr stabil. Wenn sie dann noch auf einem unebenen Untergrund wie Felsbrocken aufgestellt sind, könnte man dem Erbauer mangelnde Weitsicht beziehungsweise Bodenhaftung attestieren. 

 

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Das wiederum macht es einer Monsterwelle, wie sie Marie Hellberg (rechts; Anm.d.Redaktion) auf ihrem Bild gemalt hat, einfach, die menschliche Zivilisation auf einen Schlag zu vernichten.
Gewalt und Krieg waren die Themen, mit denen  Kunstlehrer von fünf Gymnasien und einer Gesamtschule ihre Schüler im Profilunterricht konfrontiert haben. Vor sechs Jahren entschied sich das Kulturministerium für das Zentralabitur. Seitdem auch stellen die Schulen gemeinsam aus, weil sie alle das gleiche Thema behandeln. Initiator dieser kommunikativen Idee ist Rolf Behme, Fachberater für Kunst bei der Landesschulbehörde in Hannover und Kunstpädagoge am Gymnasium Himmelsthür. In den vergangenen Jahren präsentierten die Schüler ihre Arbeiten im AcKU-Café, seit gestern sind sie im Kreishaus zu sehen. „Man kann zeigen, wie man das gemacht hat, was man sich gedacht hat“, ist Dominic Kirchner zufrieden über die Öffentlichkeit. „Man wird vielleicht bekannt“, freut sich auch Zoe Mücke über die Präsentation.Die ersten 60 Arbeiten – eine von den Lerngruppen jurierte Auswahl – stammen von den Gymnasien Himmelsthür und Andreanum und der RBG. Bewusst wird auf eine Nennung der Schulen verzichtet: „Wir arbeiten damit gegen die sicherlich existierende Konkurrenz an“, verdeutlicht Behme. Ein anderes Ziel sei, das Fach Kunst, das seine spezifische Bedeutung im Unterrichtskanon stets von Neuem behaupten muss, in den Vordergrund zu stellen.

Und natürlich die Schüler. Und da bietet die Präsentation über zwei Stockwerke große Unterschiede in Stilistik und Aussage. Die Schulen hatten sich geeinigt auf die Beschäftigung mit Bildern des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein („Taka Taka“), des Realisten Otto Dix („Kriegstryptichon“), des Expressionisten Franz Marc („Kämpfende Form“) und des Barock-Malers Diego Velasquez.

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Sehr sehenswert die Tryptichen, die Schüler der RBG geschaffen haben. Virtuos haben sie mit Farben, aber auch Ausschnitten aus Zeitungen hantiert und ihre Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt kraftvoll und bewegt umgesetzt. Eher harmlos wirken die abstrakten Werke, in denen Spritztechniken die malerischen Untergründe überlagern.
Die Himmelsthürer hatten mehrere Aufgaben zu bewältigen: Dominic Kirchners düster-deprimierendes Bild zeigt mit toten Soldaten und verbrannten Bäumen den Kriegsschauplatz nach der Schlacht und ist von Erich Maria Remarques Ersten-Weltkrieg-Roman „Im Westen nichts Neues“ inspiriert. In ganz andere Richtung zielte die Aufgabe, Headlines aus Zeitungen in einen neuen, den Text hinterfragenden Zusammenhang zu stellen. Madeleine Kohl lässt Homer Simpson zu der Aussage „Reißen die Griechen ganz Europa in den Abgrund“ stolpern. Und Dominic Kirchners Menschen interessieren sich einen Dreck dafür, ob der Al-Quaida-Anführer tot ist.
Einen ganz anderen Weg wählten die Andreaner, die Bildzitate berühmter Werke oder Fotos malend in einen neuen Zusammenhang stellten. So drückt Marie Hellberg ihre Betroffenheit aus, indem sie die – im Original – vor Napalmbomben fliehende kleine Vietnamesin verloren auf einer Rolltreppe in einer hochtechnisierten, anonymen Stadt schreien lässt. Lea Jürgens zitiert Edward Hoppers Lokal aus „Nighthawks“ und koppelt die triste Einöde mit einem Schrei von Peter Sorge. Intensiv auch das Kind, das auf dem Bild von Katharina Buchholz verzweifelt auf dem Boden hockt: Es ist nachts, die Fenster sind zerschossen, die Perspektive total verrutscht. Be(ein)drückend!

Bis zum 1. November stellen die Gymnasien Himmelsthür und Andreanum sowie die RBG im Kreishaus aus. Vom3. bis 30. November zeigen die Gymnasien Josephinum, Marienschule und Goethe die Arbeiten ihrer Schüler zum Thema Gewalt und Krieg.


© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung  [HAZ ], 30.09.2011

 

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