Hans Egon Holthusen

Lyriker, Essayist, Kultur- und Kunstkritiker

eghh06 Am 27. Januar 1997 starb dreiundachtzigjährig in München der Lyriker, Essayist, Kultur- und Kunstkritiker Hans Egon Holthusen. Er gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern. Während der letzten zwanzig Jahre war es um ihn still geworden. Er starb, seit Jahren völlig zurückgezogen, in der Stadt, in der er seit dem Ende des letzten Krieges gelebt hatte. Entscheidende Lebensjahre aber, Jahre des Heranwachsens, brachte Holthusen, der am 15. April 1913 in Rendsburg als Sohn eines Pfarrers geboren wurde, in Hildesheim zu. Dort war der Vater 1924 Pastor an der St. Andreaskirche geworden. In Hildesheim machte er 1931 am Gymnasium Andreanum sein Abitur. Zwei Jahre später begann für Deutschland die unselige Epoche des sogenannten Dritten Reiches'. Wie viele andere und gerade auch junge Deutsche glaubte Hans Egon Holthusen damals an einen nationalen Aufbruch und an die damit verbundene Überwindung mancher Misshelligkeiten der wenig geliebten Weimarer Republik. Er trat der SS bei in der Erwartung, auf diese Weise an dem erhofften Aufbruch teilnehmen zu können. Irgendwelche Aktivitäten im Zusammenhang mit dieser Mitgliedschaft sind nicht bekannt. Spätestens aber seit Beginn der Auseinandersetzungen zwischen seinem Pastoren-Vater und dem Geist des Nationalsozialismus hat Holthusen seinen Eintritt in die SS als Irrtum erkannt. Innerlich trat er an die Seite des Vaters. Der Geist der alten Stadt, ihre Geschichte, ihre reiche kirchliche und bürgerliche Tradition, gleichsam Architektur geworden in ehrwürdigen Gotteshäusern, herrlichen Fachwerkbauten, in einem Bilderbuch-Marktplatz, in ihren Straßen und verwinkelten Gassen, haben Hans Egon Holthusen für sein ganzes Leben geprägt.

Tief verwurzelt war er im Geiste Europas, im Geiste des Abendlandes. Die Stadt Hildesheim aber und die Eindrücke, die der Junge innerhalb der alten Mauern und Türme empfing, bildeten den Nährboden für diese Verwurzelung. In mehreren Veröffentlichungen hat später der Autor seiner Stadt, so darf man wohl sagen, schöne und empfindsame Liebeserklärungen gemacht. Der Geist des Elternhauses, des Holthusenschen Pfarrhauses, entsprach durchaus dem Geist der Stadt. Pastor Holthusen war ein kernfester Lutheraner, im ersten Weltkrieg Divisionspfarrer- und nach dem Kriege, was seine politische Gesinnung betrifft, deutschnational. Dem Nationalsozialismus begegnete er von Anfang an konsequent ablehnend. Er war einer der bekenntnistreuesten evangelischen Pastoren in Hildesheim. Seine Predigten zeigten einen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Mut. Vor allem nach einer Weihnachtspredigt 1936 hatte ihn die Gestapo im Visier. Seine Landeskirche riet ihm zur Mäßigung. Pastor Holthusen aber blieb sich und damit der Sache, die er vertrat, treu. Allerdings reduzierten die Kämpfe und Auseinandersetzungen mit der örtlichen Staatsmacht seine Gesundheit. Weihnachten 1938 erlag er einem Herzleiden. Im übrigen ging es im Pfarrhaus Holthusen bürgerlich-behaglich und kultiviert zu. Der Flügel in der Wohnung diente nicht lediglich der Dekoration und der Reputation. Im Hause Holthusen konnte man die Musik Bachs, Beethovens, Schuberts und Schumanns hören. Die Herkunft aus einem solchen Hause konnte Hans Egon Holthusen nie verleugnen, wollte es auch nicht. Er wurde ein wertkonservativer Autor und blieb es bis zu seinem Tode. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen, Berlin und München wurde er 1937 mit einer Arbeit über Rilkes "Sonette an Orpheus" promoviert. Vom ersten bis zum letzten Tage des zweiten Weltkrieges war er Soldat. Nach dem Kriege zunächst als freier Schriftsteller in München, lehrte er ab 1959 als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in den USA. Von 1961 bis 1964 war er Leiter des Goethe-Instituts in New York. Schließlich kehrte er ein letztes Mal in den Raum der Universität zurück und lehrte von 1968 bis 1981 Germanistik an der Northwestern University in Evanston (Illinois). In Deutschland war er 1956 in die Berliner Akademie der Künste berufen worden. Darüber hinaus wurde er 1968 Präsident der Bayerischen Akademie der Künste. Auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte, Anfang der achtziger Jahre, trat Holthusen aus politischen Gründen aus der Berliner Akademie aus. In einem offenen Brief an den damaligen Präsidenten der Akademie, Günter Grass, begründete er seinen Schritt mit der einseitigen Politisierung der Akademie durch Grass und Böll. Schon das Plädoyer Stefan Hermlins, ebenfalls Mitglied der Akademie, zugunsten der Mauer als eines Schutzwalls zur Erhaltung des Friedens hätte 1961 fast zum Austritt Holthusens geführt. Hans Egon Holthusen fühlte sich der Bewahrung und der Verlebendigung der klassischen europäischen, vorwiegend deutschen Literatur verpflichtet. Desgleichen galt der klassischen Moderne seine Zuneigung. Rilke allen voran, dann aber auch T. S. Eliot, Gottfried Benn, Paul Claudel und Wystan Ayden fühlte er sich im Geiste verbunden. Er selbst wurde 1951 mit seinem Buch "Der unbehauste Mensch. Motive und Probleme der modernen Literatur im Nachkriegsdeutschland und bald schon über dessen Grenzen hinaus bekannt. Dieses Buch wurde damals als eine kompetente Bestimmung des geistigen Standortes aller Nachdenklichen verstanden. Seine Leser erkannten den unmittelbaren, den existentiellen Bezug. "Der unbehauste Mensch" – es war wie das Leitmotiv einer ganzen Epoche. Mit diesem Werk hat sich Hans Egon Holthusen in die Annalen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts eingetragen. Die deutsche Literatur nach dem zweiten Weltkriege wäre ohne Autoren wie Grass, Böll, Lenz, Walser, Enzensberger, Bachmann, und andere nicht denkbar. Ohne Hans Egon Holthusens Lyrik, Essays, Interpretationen und Kritiken wäre sie auf jeden Fall ärmer. Hildesheim aber sollte diesem Autor besonders dankbar sein. Er hat, wie noch wenige andere, das Lob der Stadt in Tönen gesungen, die keiner vergisst, der sie vernommen hat.
JOHANNES BROCKHOFF