Tanzstunde unterm Basketballkorb

Tanzschule auf AndreanumssportplatzMehr als nur eine Notlösung: Wegen Corona wird mancher Kurs auf den Andreanum-Sportplatz verlegt – und dabei gibt es sogar Applaus von oben

Von Thorsten Berner

Hildesheim. Es ist ein lauer Frühlingsabend. Am Himmel ziehen Schwalben ihre Bahnen, eine Taube gurrt – und die Blätter der mächtigen Linde wiegen sich sachte im Wind. Dazu ertönen melodische Klänge aus einer Lautsprecher-Box. Eine perfekte Bühne für 13 Paare, die ihrem Hobby frönen: Tanzen.

„Nun ja, fast perfekt“, sagen Hanna und Sebastian Budzanowski, die gerade einen flotten Quickstep aufs Parkett gelegt haben. „Der Tartan-Belag ist etwas stumpf“, meinen die Budzanowskis. „Aber es geht schon.“ Normalerweise spielen hier die Schüler des Hildesheimer Andreanum-Gymnasiums Fußball, Handball oder Basketball. Doch in Corona-Zeiten wird der Schulsportplatz beizeiten zur Tanzfläche umfunktioniert.

Möglich macht es eine Kooperation zwischen dem Andreanum und dem Tanzhaus Buresch. „Unsere Räumlichkeiten durften wir in den vergangenen Wochen wegen der Corona-Beschränkungen nicht nutzen“, erzählt Tanzschul-Leiter Sebastian Murawski. „Deshalb kamen wir auf die Idee, draußen zu tanzen.“

Paula Tschentscher ist Auszubildende bei Buresch. Als ehemalige Andreanum-Schülerin hat sie immer noch einen guten Draht zu Schuldirektor Dirk Wilkening. Sie fragte, ob man den Sportplatz nicht für Tanzkurse nutzen könne. Wilkening sagte sofort zu: „Das ist überhaupt kein Problem, zumal ich ja früher selbst gern getanzt habe.“ Bei den Tanzpaaren kommt die Sache gut an. „Hier hat man viel Platz und ist auch noch an der frischen Luft“, sagt Claudia Kempen, die mit ihrem Mann Reinhold den Goldkurs absolviert.

Nachdem die Tanzschule schließen musste, haben die Tanzlehrer zunächst Online-Kurse angeboten. „Wir haben Beamer und Kameras im Saal aufgestellt und per Headseat unterrichtet“, erklärt Paula Tschentscher. Doch für die Paare war es nicht ganz einfach, im heimischen Wohnzimmer die Vorgaben umzusetzen. „Wenn man zu einem ausladenden Tango- oder Walzerschritt ausholen wollte, standen Sofa und Schränke oft im Weg“, sagt Sebastian Budzanowski. Möglicherweise hat sich der ein oder andere temperamentvolle Tänzer dabei ein paar blaue Flecken zugezogen. Die Kurse unter freiem Himmel seien eine gute Alternative, meint Hanna Budzanowski.

Die Outdoor-Kurse sollen noch eine Zeit lang laufen. „Aber aufgrund der Corona-Lockerungen können wir wohl auch bald wieder zurück in den Tanzsaal“, hofft Murawski. Etwas unklar sind noch die Bedingungen. „In Bremen müssen 40 Quadratmeter pro Paar zur Verfügung stehen“, erzählt er. „Unser Saal hat ungefähr 130 Quadratmeter. Es dürften also nur drei Paare rein. Das lohnt sich nicht.“

Murawski steht derzeit in ständigem Kontakt mit dem Gesundheitssamt. „In Niedersachsen ist es wohl so, dass nur der Mindestabstand von 1,50 Metern zu anderen Paaren gewahrt werden muss.“ Und wie ist es mit dem Abstand zwischen den Tanzpartnern selbst? Dürfen nur Eheleute zusammen tanzen – oder auch Paare, die zusammenwohnen? Oder reicht es schon aus, wenn sich ein Paar regelmäßig zum Tanzen trifft? „Das klären wir gerade“, berichtet Murawski.

 

Ob drinnen oder draußen – die Hygiene-Vorschriften müssen unbedingt eingehalten werden, also: Hände waschen und desinfizieren sowie die Eintragung der Namen in eine Liste, um bei Infektionen eventuelle Kontaktpersonen nachverfolgen zu können.

Klar ist auch: Drinnen muss in regelmäßigen Abständen durchgelüftet werden, um mögliche Virus-Aerosole zu vertreiben. Draußen ist die Ansteckungsgefahr wesentlich geringer – und der Spaß nicht minder groß. Paula Tschentscher und Tanzlehrer Luca Wolff demonstrieren eine elegante Schrittfolge: „Schnell, schnell, schnell, langsam, schnell, schnell ...“

Über ihnen schwebt eine Taube, sie stoppt aprubt ihren Flug und schlägt aufgeregt mit den Flügeln – gerade so, als wollte sie applaudieren. Outdoor-Tanzen hat eben einen ganz besonderen Charme – und ist mehr als nur eine Notlösung. „Vielleicht kann man das auch nach Corona öfter mal machen“, meint eine Tänzerin lächelnd.


Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 29.05.2020