Wo ist Hildesheims Satansbezwinger gelandet?

HIAZ Erzengel MichaelErzengel Michael bewachte einst den Zugang zum Michaeliskloster, den Teufel zu seinen Füßen / Heute befinden sich seine Überreste im Dommuseum.

Von Christian Harborth und Sven Abromeit

Bis zu den Bombenangriffen im Frühjahr 1945 schmückten den 1724 entstandenen Zugang zum ehemaligen Michaeliskloster noch Figuren des Erzengels Michael und zweier Begleiter mit Lilienzweig und Stab. Zu seinen Füßen hatte Michael den gefesselten Teufel mit Drachenleib. Der Sprengkraft der Bomben hielten die drei Himmelsboten nicht stand, sie stürzten in den Trümmerschutt, wo sich ihre Spur zunächst verlor.  

Das Benediktinerkloster St. Michael, von Bischof Bernward 996 gegründet, erlebte zuletzt im Barock massive Bautätigkeit, mit dem Übergang des Hochstifts an Preußen wurde das Kloster dann 1803 aufgehoben. Die neugegründete Heil- und Pflegeanstalt übernahm die Gebäude und nutzte die Anlage bis zum September 1943, dann zog hier die SS-Führungsschule „Haus Germanien“ ein. 

Der Michaelishügel wurde 1945 schwer getroffen, vom Kloster blieben nur Mauerreste und der Torbogen zur Klosterstraße erhalten. Auf dem weitläufigen Areal wird bis 1962 nach Plänen des Architekten Dieter Oesterlen der dreiflügelige Neubau des Gymnasiums Andreanum errichtet. Das Andreanum, 1225 erstmals erwähnt, ist seit der Reformation die evangelische Bürgerschule der Stadt.

Der Umzug in die neuen Räume beendete im September 1962 die jahrelange Odyssee durch verschiedene Übergangsquartiere, sowohl das alte Andreanum am Andreasplatz als auch der Neubau von 1869 an der Goslarschen Straße waren im Krieg zerstört worden.

Auch viele ehemalige Andreaner nutzten nun die Gelegenheit, sich an der Ausstattung des neuen Schulgebäudes zu beteiligen. Davon profitierte auch das Klosterportal. Das schmiedeeiserne Gitter von Kunstschmied Carl van Dornick übernahm die Elternschaft. Und für die seit 1945 leerstehenden Nischen der Südseite gab der damalige HAZ-Verleger Dr. Hans Albert Gerstenberg, der 1921 seine Abiturprüfung am Andreanum absolviert hatte, bei Professor Georg Fürstenberg in Goslar die drei modernen Skulpturen in Auftrag, die Wissenschaft, Kunst und Sport symbolisieren sollen.

Das Foto des HAZ-Fotografen Theo Wetterau zeigt die formale Übergabe des Geschenks an die Schule am 18. Oktober 1966. In der Bildmitte ist der Verleger zu sehen, links der Künstler, rechts Schulleiter Martin Boyken. Boyken führte die Schule seit 1955 und trieb den Neubau voran, auch für die spätere Übernahme der Trägerschaft durch die Landeskirche stellte er die Weichen.

Der Muschelkalk für die 1,68 Meter großen Figuren wurde aus Grünsberg bei Würzburg herangeschafft. Professor Fürstenberg entstammte einer alten Bildhauerfamilie aus Frankfurt an der Oder und hatte an der Meisterschule in Berlin-Charlottenburg unterrichtet. Den Wiederaufbau Hildesheims hat er mit einigen Kunstwerken begleitet, so stammen die Steinreliefs an der Ratsapotheke am Hohen Weg, an der Industrie- und Handelskammer am Hindenburgplatz und am Verlagshaus Gerstenberg in der Rathausstraße seiner Werkstatt, auch den Erker des Tempelhauses hat er restauriert.

Die barocken Figuren von Michael und seinen Begleitern galten seit 1945 als verloren. Im vergangenen Jahr tauchten Fragmente allerdings wieder auf und wurden dem Dom-Museum übergeben. Claudia Höhl hütet nun die Reste des Erzengels und Satanbezwingers, an dessen Stelle in der obersten Nische in der Klosterstraße die Allegorie der Wissenschaft getreten ist.

 

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 22.06.2020