Land erleichtert Versetzungen in die nächste Klasse 

Zeugnisse unter Corona-Bedingungen: Schüler können schlechte Noten besser ausgleichen / Kultusminister bittet Lehrer um faire Bewertungen 

Von Saskia Döhner und Johannes Rische 
Hannover/Hildesheim. Niedersachsens Kultusministerium erleichtert schwachen Schülern die Versetzung in die nächsthöhere Klasse. Damit reagiert das Land auf die besonderen Umstände durch die Corona-Pandemie, denn seit den Osterferien müssen die Schüler zu einem großen Teil zu Hause lernen. Aus diesem Grund hatten Grüne, SPD und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gefordert, das Sitzenbleiben in diesem Schuljahr ganz abzuschaffen, wie es beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern der Fall ist. Auch die zwangsweise Versetzung auf eine niedrigere Schulform solle ausgesetzt werden. 

Wer möchte, macht eine Nachprüfung 
Ganz so weit wollte das Kultusministerium in Hannover nicht gehen. Dennoch müsse die außergewöhnliche Lernsituation der Kinder in diesem Schuljahr besonders berücksichtigt werden, ließ Minister Grant Hendrik Tonne (SPD) wissen und bat die Lehrer um faire und milde Bewertungen. In Niedersachsen endet das Schuljahr am 15. Juli. 

In den Klassen fünf bis neun sollen Niedersachsens Schüler in diesem Jahr schlechte Noten leichter durch gute Bewertungen in anderen Fächern wettmachen können. Wer zwei Fünfen hat, kann diese durch Dreien in vergleichbaren Fächern ausgleichen. Hauptfächer wie Deutsch und Mathematik müssen durch Hauptfächer ausgeglichen werden, Nebenfächer wie Musik und Geschichte können durch Nebenfächer ausgeglichen werden. Wer nicht genügend Dreien hat, kann in diesem Corona-Schuljahr eine Nachprüfung machen. 

Versetzung trotz Bedenken möglich 
Bislang war der Notenausgleich eine Kann-Regel: Wenn Lehrer der Ansicht waren, dass ein Schüler im nächsthöheren Jahrgang vermutlich scheitern würde, durften sie die Ausgleichsmöglichkeit außer Acht lassen. Vor dem Corona-Hintergrund müssen die Lehrer die Regel in diesem Jahr anwenden, Schüler werden auch bei Bedenken versetzt. 

Dem Vernehmen nach müssen aber sehr wohl viele Schüler ein Jahr wiederholen, an einer Schule sollen es sogar sechs Jugendliche in einer 11. Klasse sein. Viele Wiederholungen hätten sich schon zum Halbjahreswechsel Ende Januar angedeutet. Wie viele Schüler insgesamt in diesem Jahr sitzen bleiben oder die Schule wechseln müssen, steht noch nicht fest. Sicher aber ist, die Schulleiter sind sich ihrer besonderen Verantwortung sehr wohl bewusst. 

Zustimmung auch in Hildesheim 
Die landesweiten Vorgaben finden auch in Hildesheim Zustimmung. Dirk Wilkening, Schulleiter des Andreanums, begrüßte den Schritt. Er sieht die positiven Seiten: „Die Schüler haben in der Zeit Erfahrungen gemacht, die sonst nicht möglich gewesen wären.“ 

Das mehr als ungewöhnliche Schuljahr 2019/2020 neigt sich dem Ende entgegen, die Vergabe der Zeugnisse steht vor der Tür. Die Vorgaben des niedersächsischen Kultusministers Grant Hendrik Tonne von der SPD, die all- gemeinen Bedingungen für das Er- reichen der nächsten Klassenstufe herabzusetzen, kommen vielen Schülern entgegen – auch in Hildesheim. 

Am Gymnasium Andreanum zum Beispiel wurden die Noten in dieser Woche eingetragen, die Zeugniskonferenzen folgen in Kürze. Der besonderen Situation ist sich auch Schulleiter Dirk Wilkening bewusst: „Die Schüler waren drei Monate lang zu Hause. Dass man nicht einfach normale Noten verteilen kann, ist klar.“ 

Neben der Bitte um Milde bei der Bewertung lieferte Minister Tonne auch konkrete Vorgaben. Zwei Mal die Note Fünf bedeutet nicht mehr zwangsläufig ein Wiederholen der Klasse, es kann ausgeglichen wer- den – notfalls mit einer Nachprüfung. Eine Option, die sonst nicht besteht. „Üblicherweise entscheidet im Zweifelsfall die Konferenz darüber, ob ein Schüler versetzt wird“, sagt Wilkening, der die Vorgaben befürwortet. 

Der Schulleiter setzt aber dennoch auf den Einzelfall: „Dass ein Zwangs-Sitzenbleiben verhindert wird, ist sinnvoll. Eine persönliche Beratung ist aber notwendig.“ Heißt: Wird eine Wiederholung der Klassenstufe aufgrund schlechter Leistungen unabhängig von der Corona-Krise als notwendig angesehen, wird mit dem Schüler darüber gesprochen. „Manchmal heißt Milde auch, den Schülern eine neue Chance zu geben und weitere schlechte Leistungen zu verhindern“, sagt Wilkening. Das gelte auch bei zu schlechten Noten – kategorisch ausgeschlossen ist das Sitzenbleiben auf nach der Corona- Krise nicht. 

Für ihn steht neben den blanken Noten das individuelle Arbeiten in den vergangenen Monaten im Vordergrund. Im Schulunterricht galten noch für alle die gleichen Voraussetzungen. „Zu Hause sind die technischen, die persönlichen Bedingungen anders. Da geht die Schere auseinander“, sagt Wilkening, der von seinen Schülern bei der Rückkehr positiv überrascht wurde: „Viele sind in einer Art und Weise zu Hause gereift, die im Regelunterricht nicht möglich gewesen wäre, haben Sachen gelernt, die wir nicht beibringen.“ Dazu gehöre das selbstständige Arbeiten und eine neue Wertschätzung für die schulischen Inhalte: „Einige sind wirklich schneller erwachsen geworden.“ 

Dem schließt sich René Mounajed, Leiter der Robert-Bosch-Gesamtschule, an: „Ich glaube, wir sind alle verändert aus dieser Krise zurückgekommen.“ Besonders aber die Schüler standen seiner Ansicht nach unter einem enormen Druck. Ein Fokus auf das Lernen sei schon wegen des Ansteckungsrisikos schwer möglich gewesen. „Die Schüler hätten fast einstimmig auf Abschlussprüfungen verzichtet, aber sie sind in der gesamten Zeit am wenigsten gehört worden“, sagt Mounajed. 

Auf der Gesamtschule ist ein Sitzenbleiben aufgrund des Schulkonzeptes ohnehin nicht möglich, die Vorgaben waren für die Schule somit redundant. „Es gab von Anfang an einen Grundsatz: Die Pandemie soll für keinen Schüler zum Nachteil gereichen“, sagt Mounajed. 

 

Text: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 03.07.2020