Was der Staatsschutz auf Lynacks Toilette machte

Mit Respekt Lynack AndreanumZum Auftakt der Kampagne „MitRespekt“ berichtet SPD-Landtagsabgeordneter im Andreanum von seinen Erfahrungen.

von Christian Harborth

Hildesheim. Der Zeitpunkt, an dem Bernd Lynack der Kragen platzte, war, als die fremde Frau die Namen seiner beiden Kinder in den Mund nahm. Nicht in Verbindung mit einer konkreten Forderung oder gar als offene Drohung ausgesprochen. Nein, die Frau wollte offenbar nur subtil darauf hinweisen, über was für Informationen sie verfügt.

„Sie wünschen sich doch nicht, dass Ihren Kindern so etwas widerfährt“, hatte sie damals im Vieraugengespräch gesagt. Und dabei bei-de Namen deutlich ausgesprochen. Namen, die Lynack eigentlich nirgendwo an die große Glocke hängt. Es war der Zeitpunkt, an dem der Politiker sich an die Polizei wandte.

 Und beim nächsten Besuch der „interessierten Wählerin“ waren die beiden nicht mehr allein. „Im Bad saßen zwei Beamte des Staatsschutzes, um aufzupassen, dass nichts passiert“, berichtete Lynack am Montagmittag im Andreanum.

Hier hörten sich zehn Mädchen und Jungen der Klasse 8L1 an, was Lynack erzählte. Die Veranstaltung war der Hildesheim-Auftakt der landesweiten Kampagne „MitRespekt“. Den Startschuss für die gemeinsame Bildungsinitiative des Landesverbands der Volkshochschulen und dem Land hatte Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler Mitte Juni in der Volkshochschule Hildesheim gegeben. Sie soll bewirken, dass ehrenamtlichen Politikern, aber auch Feuerwehr- und Polizeikräften und anderen in der Öffentlichkeit stehenden Frauen und Männern wieder mehr Respekt entgegengebracht wird. „Jeder Zweite in dieser Zielgruppe ist schon einmal beschimpft, bespuckt oder beleidigt worden“, sagte Markus Roloff, Projektkoordinator der Volkshochschule für den Raum Hildesheim.

Lynack machte am Montag den Anfang, am Donnerstag will Oberbürgermeister Ingo Meyer Schülern des Josephinums von seinen Erfahrungen berichten. Nach den Ferien soll es auch an anderen Schulen weitergehen. Roloff ist bereits mit dem Goethegymnasium und der Robert- Bosch-Gesamtschule im Gespräch. „Ihr seid hier heute so etwas wie unsere Versuchskaninchen“, sagte Roloff den zehn Schülern der corona-bedingt halbierten Klasse.

Die Schüler waren anfangs noch etwas zurückhaltend – vielleicht auch deshalb, weil die Lebenswirklichkeit eines Landtagsabgeordne- ten zumeist weit entfernt von der Wirklichkeit von Achtklässlern ist. Dabei dürfte die Thematik viele der Schüler betreffen. Ein großer Teil engagiert sich nämlich ehrenamtlich, etwa in der Kirche, im Sportverein oder bei der Feuerwehr. „Es wäre gut, dies noch mehr in den Vordergrund zu rücken“, sagte Dirk Wilkening, Leiter des Andreanums. Weil selbst jüngere Schüler dann merkten, dass sie selbst davon betroffen sind oder es irgendwann einmal sein könnten. Die Veranstaltung mit dem Sozialdemokraten soll auch im Andreanum nur ein Anfang sein. „Wir wollen die Thematik weiter vertiefen“, kündigte Wilkening an. Und Lynack sagte zu, gern an weiteren Terminen teilzunehmen.

Dann hätten auch andere Schüler die Möglichkeit, die Geschichte mit den Polizisten im Bad zu hören. Die war im Übrigen nach dieser Episode so gut wie beendet. Die Frau bekam eine sogenannte Gefährderansprache der Polizei – so etwas wie eine letzte Warnung. Die Polizei stellte offenbar nicht nur fest, dass die Frau massive Probleme hatte, deren Lösung sie sich vom Politiker versprach, sondern darüber hinaus einige psychische Probleme. Und trotzdem: „Wenn ich es mir genauer anschaue, ist es Erpressung gewesen“, sagt Lynack.

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 07.07.2020