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Der Schulträger

Fluchtort Ständige Vertretung der Bundesrepublik

albrecht Q1 2016Inge Albrecht im Gespräch mit Q1-Geschichtskurs des Andreanums

 „Wir sind doch kein Hotel“, entfuhr es dem Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, als die 21-jährige Inge Albrecht gemeinsam mit zwei Freundinnen und zwei kleiner Kinder vor ihm sitzenblieben und damit artikulierten: „Wir gehen hier nicht mehr weg“. Auf dramatische Weise hatten Frauen und Kinder zuvor den Weg in das von Volkspolizei und Staatssicherheit von außen abgesperrte Gebäude geschafft, in dem sie sich unter eine FDJ-Demonstration mischten, die direkt am Gebäude der „Botschaft“ entlang zog.

Was brachte die junge Frau dazu, ihre Eltern und Bruder zurückzulassen um eine Flucht zu wagen, die viel zu oft in den Untersuchungsgefängnissen der Staatssicherheit endete?

Als Antwort auf diese Frage aus dem Geschichtskurs GE 04 schilderte Albrecht, die zehn Jahre nach der geglückten Flucht einen Dokumentarfilm für den WDR über dieses Thema realisierte, ihren Werdegang als junge Frau in der DDR. Ein regimekritischer Vater, der sich in dem totalitären Staat herausnahm sich eine kritische, unabhängige Haltung zu bewahren - ohne dabei aktiv Widerstand zu leisten - reichte bereits, um der 14-jährigen Tochter von Staatsseite zu verdeutlichen: „In unserer Republik wirst Du nie das Abitur machen“ und ihr damit jede Hoffnung auf das erträumte Medizinstudium zu nehmen.

Später kamen weitere Gängeleien und die Einschränkung der Reisefreiheit hinzu, um nach zwei vorher gescheiterten, aber unentdeckten Fluchtversuchen über Bulgarien und die westdeutsche Botschaft in Warschau,  die risikoreiche Möglichkeit eine Flucht über die Ständige Vertretung der Bundesrepublik zu ergreifen. Mit insgesamt über 50 Personen in dem Gebäude auf engsten Raum, mussten die Flüchtlinge im Jahr 1984 über Wochen ausharren, bis der dafür einschlägig bekannte Rechtsanwalt Wolfgang Vogel für die DDR mit dem zuständigen Staatssekretär der Bundesregierung Ludwig Rehlinger und dem Leiter der Vertretung, Hans-Otto Bräutigam, die Modalitäten der Übersiedlung für die Flüchtlinge aushandelte.

Gegen ein entsprechendes Lösegeld konnte Inge Albrecht bereits zwei Tage nach Verlassen der Botschaft über den S-Bahn-Übergang Berlin-Friedrichstraße die DDR verlassen.

Wie hat sich Inge Albrecht damals gefühlt ihre Heimat und Familie für scheinbar immer verlassen zu müssen? Hätte sie dieses Risiko heute wieder auf sich genommen? Welche Erfahrungen hinsichtlich ihrer Bespitzelung musste sie  beim späteren Blick in ihre Stasiakten machen? Auf diese Fragen aus dem Kurs konnte Inge Albrecht als wichtige Zeitzeugin Auskunft geben. Die Schülerinnen und Schüler hatten dazu im Vorfeld die von ihr verfilmte Dokumentation aus dem Jahr 1996 gesehen. An ihren Schicksal, wie zahlreichen weiteren Zeitzeugenbelegen wurde deutlich, das mit der DDR 1989 eine brutale Diktatur und ein Unrechtsstaat unterging, der zahlreiche Menschen zerstörte. Deshalb kommt für Inge Albrecht eine Verniedlichung der DDR nicht in Frage: „Dies war eine brutale Diktatur, die Menschen zerstört hat.“  Gut, dass Zeitzeugen wie die Filmemacherin in die Schulen gehen und ihre Erfahrungen Schülerinnen und Schülern unmittelbar weitergeben können.

J. Surborg