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Der Schulträger

Zeichen setzen gegen das Vergessen

Gegen Antisemitismus und Ausgrenzung: „Stolpersteine“ und Uraufführung begeistern im 2. TfN-Sinfoniekonzert

HILDESHEIM. Ein leises, inniges Gebet spricht aus Rouven Schirmers Tongebungen. Die TfN-Philharmonie antwortet dem Cellisten nuanciert in Flüstertönen. Schirmer und das Orchester eröffnen mit Max Bruchs „Kol Nidrei“ (Adagio nach hebräischen Melodien op. 47) unter der Leitung von Generalmusikdirektor Werner Seitzer das 2. Sinfoniekonzert im ausverkauften Stadttheater.

Der 1976 in Hildesheim geborene Musiker und frühere Andreaner Schirmer stimmt mit seinem berührenden, gesanglichen Ton quasi im „Vorwort“ auf ein Konzert ein, das Antisemitismus, Genozid, Verfolgung und Ausgrenzung thematisiert. Einzelschicksale und Kollektivschicksale stehen im Konzert mit dem Titel „Sinfonische Stolpersteine“ auf dem Programm.

Im Zentrum des Abends steht Erwin Johannes Bachs 1956 komponiertes Sinfonisches Fresko „Ruf an die Menschheit“, das 60 Jahre nach seiner Entstehung in Bachs Heimatstadt Hildesheim zur Uraufführung kommt. Der kommunistische, jüdische Widerstandskämpfer Bach (1897-1961), der bis zum Abitur Schüler am Andreanum war, flieht 1934 über Prag nach Moskau. 1961 stirbt Bach in Ost-Berlin.

 Werner Seitzer ist es gelungen, Bachs „Ruf an die Menschheit“ dem Publikum sehr nahezubringen. Mit der TfN-Philharmonie geht Bachs vierte, einzig erhaltene Sinfonie in musikalischen „Gemälden“ auf, die den Lebensweg der Menschheit zeichnen sollen.

Die zehn „Bilder“ des Werks, die ineinanderfließen, auseinandergerissen werden und Schmerz, Freude, Resignation und Hoffnung spiegeln, verbinden sich immer wieder neu. Unter der packenden Leitung Seitzers geht der Bilderkosmos dieses überwiegend tonalen Werks auf die Instrumente über. Die Musiker schaffen es, die thematischen Verknüpfungen der Sätze vieldeutig zu entfalten. Zwischen Licht und Finsternis, Chaos, Ordnung, Mahnrufen oder dem Priestermarsch („O Mensch, bewein dein Sünde groß“) finden zahlreiche versöhnliche Motive, aber auch tänzerische, bizarre oder brüchige Klangsequenzen ihren Platz im Gesamtgefüge.

Dem bestens aufeinander eingestimmten Orchester gelingt es, die Klangbilder mit ihren Leitmotiven, darunter Fanfarensignale oder Marschrhythmen, kunstvoll zu verweben. Ein bildstarkes, ergreifendes Werk. Ovationen vom Publikum, darunter Verwandte Bachs.

In Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Andreanum und dem Bass Johannes von Duisburg hat Seitzer Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 b-Moll (op. 113) für Bass, Männerchor und Orchester nach Gedichten von Jewgeni Jewtuschenko einstudiert. Die TfN-Philharmonie, der Solist und der „Stolperstein“-Projekt- Chor mit über 40 Sängern im Alter von 15 bis 75 Jahren nehmen die Spannung und den Biss des Werks beim Wort. Der Eingangssatz „Babij Jar“ hinterlässt ein düsteres Mahnmal. Schostakowitsch schuf den Satz im Gedenken an die 33 771 jüdischen Opfer der Massenexekution durch die Sicherheitspolizei, den Sicherheitsdienst (SD) und die Wehrmacht in der Schlucht Babij Jar am 29. und 30. September 1941.

Der homogene, präsente Chor (Einstudierung Gesine Frank und Wolfgang Volpers) liefert diese Partien, aber auch die übrigen Passagen des Werks, als wäre er mit dieser Musik aufgewachsen. Eine herausragende, reife und zutiefst beeindruckende Leistung. Die aussagestarke, raumfüllende Stimme Duisburgs besticht durch subtile Untertöne und aggressive Klangweite. So wird besonders die brutale Ironie des programmatischen zweiten Satzes („Der Witz“) meisterhaft dargestellt. Aber auch die „Ängste“ des vierten Satzes bringt der Sänger geradezu gespenstisch nahe. Ein durch und durch beeindruckender Künstler. Auch der flexible Klangkörper der TfN-Philharmonie hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Klangpointen sitzen im Orchester genauso sicher wie stille Passagen, die aus sich heraus mächtig wirken.

Ein intelligentes und aufrüttelndes Programm, das Zeichen setzt gegen das Vergessen, gegen Ausgrenzung, Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus. Ein Konzert für die Menschheit mit dem „Ruf an die Menschheit“.

BIRGIT JÜRGENS

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 15.11.2016