Von Ulrich Hempen

Noah Krischke greift Annlis Krischke unter die rechte und linke Achsel. Seine Bizeps spannen sich an. Er hebt seine Schwester hoch – so hoch, bis seine Arme völlig durchgestreckt sind. Die hervortretenden Trizeps verraten, dass ihn die Übung Kraft kostet. Noah Krischke hat reichlich Muskeln. Er könnte auch als Leistungsschwimmer oder Reck-Turner durchgehen. Aber er ist Tänzer.

Über seinen Kopf schwebend macht Annlis Krischke anmutig einen Spagat in luftiger Höhe. Dann dreht sich das Duo ein paarmal um die eigene Achse. Die Gesichtszüge der Tänzer bleiben trotz der Anstrengung entspannt, sie lächeln. Müssen sie auch: Denn die Wertungsrichter mögen keine allzu verbissene Mimik.

Konzentriert beobachtet Judith Hölscher im großen Saal der Hildesheimer Tanzschule Saltazio das Geschwisterpaar. Die 38-Jährige ist Trainerin des Duetts und Chefin der Schule. Sie hat in den vergangenen Wochen mit den Krischkes an deren Choreografie für die bevorstehenden Internationals gearbeitet – die Internationals sind die Europameisterschaften (EM) im Bühnen-Tanz. Am Donnerstag starten Annlis und Noah Krischke bei dem Turnier. In Österreich. Die Meisterschaften werden bis Sonntag dauern.

Qualifiziert für die EM haben sich die Saltazio-Tänzer bei den German Open. Dort waren die Hildesheimer in der Altersklasse Junioren 1 mit drei Choreografien angetreten. Als Duett wurden sie in der Kategorie „Open“ (ein Mix verschiedenster Tanzstile) Deutscher Meister und zogen ein Ticket für Österreich. Das gleiche schafften sie im „Klassischen Ballett“ als Pas de deux. Obendrein hat Annlis Krischke in der Kategorie „Lyrical“ im Solo den 4. Platz belegt und sich aufgrund der hohen Punktzahl ebenfalls für die Internationals qualifiziert.

„So! Jetzt tanzt ihr mal die komplette Choreo“, sagt Coach Judith Hölscher. Noah Krischke atmet tief ein – ihm stehen einige Hebefiguren bevor und beiden etliche Akrobatik-Einlagen. Annlis ist zierlich und durchtrainiert, trotzdem kostet es Kraft, sie in die Höhe zu stemmen. Sie tanzen nach dem Song von Son Lux. „You don’t know me“, heißt das Lied. Es klingt nach einem mutierten, etwas geheimnisvollen R’n’B-Track, mit schweren, aber langsamen Beats. Trainerin Judith Hölscher dreht die Anlage auf.

Dann geben Annlis und Noah Krischke knapp zwei Minuten lang Gas. Sie tanzen mal mit Anmut synchron, mal wild mit Hechtsprüngen, hier und da sind Hebefiguren eingebaut. „Zwei Minuten – länger darf eine Choreografie nicht dauern“, erklärt Hölscher.

Seit sie fünf ist, tanzt Annlis – sie und ihrem Bruder wurden irgendwie die Muse in die Wiege gelegt. Mutter Swantje ist Musiklehrerin und Standardtänzerin. Sieben Geschwister gibt es im Hause Krischke. Annlis und Noah haben fünf Brüder und Schwestern, darunter Schauspieler, Sänger, Musical-Darsteller und Musiker.

„Wir trainieren rund 20 Stunden wöchentlich“, sagt Annlis Krischke. Sie ist 14, Noah drei Jahre älter. Beide gehen auf das Gymnasium Andreanum. Mit Tanzen und Choreografie entwickeln allein ist es nicht getan. „Wir machen auch Athletik- und Krafttraining, dazu immer wieder Dehnübungen“, erklärt Noah Krischke. Denn zwei Minuten bei einer Choreo voll durch zu powern, ist Leistungssport. Noah Krischke hat zudem noch ein anspruchsvolles Hobby: Sportklettern. Und er war früher Leistungsturner.

Der 17-Jährige verbringt viel Zeit mit seiner Schwester. Schließlich laufen sie sich auch zu Hause regelmäßig über den Weg. Das könnte Konfliktstoff bergen. Besonders, wenn es beim Tanzen mal nicht wie gewünscht läuft. „Nö, Streit gibt es nicht. Im Gegenteil. Wenn etwas schiefgegangen ist, bauen wir uns eigentlich immer gegenseitig auf“, sagt Annlis Krischke.

Wie immer werden sie auch vor dem Start bei der EM Lampenfieber haben. „Aber das brauchen wir. Dadurch bekommen wir die nötige Spannung“, so Noah Krischke und seine Schwester ergänzt: „Wir sind Wettkampftypen, präsentieren uns gern auf der Bühne.“

Was allerdings oft zu kurz kommt: die Kleider-Frage. Die haben die beiden und auch Trainerin Judith Hölscher meist nicht so auf dem Zettel. Sie wollen performen, was sie dabei anhaben, spielt eher eine untergeordnete Rolle.

„Oft fragen wir uns erst auf den letzten Drücker: „Was soll eigentlich angezogen werden? Dabei ist das ziemlich wichtig, weil die Wertungsrichter ein stimmiges Kostüm sehen wollen“, so Hölscher. Aber die Zwei haben ihr EM-Outfit gefunden. Sie startet in einem dezenten silbernen Einteiler, er in gleichfarbiger Hose.

Übrigens sind die Krischkes für ihre starken Leistungen bei den German Open nicht nur mit der EM-Quali, sondern obendrein mit einem Stipendium belohnt worden. Im August fliegen sie in die USA in die „Inaside Chicago Dance“. Dort darf das Geschwisterpaar an den Summer-Intensive-Workshops teilnehmen.

„Das sind wieder neue Eindrücke. Ich bin mal gespannt, wie die da trainieren, und was für Coaches die haben“, sagt Noah Krischke.

Text und Fotos: Archiv der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, 25.05.2022

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