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Der Schulträger

Politik

katharina250Betr.: "Richtlinien für die politische Erziehung und Bildung an den Schulen Niedersachsens. Viele Lehrkräfte werden sich, wenn sie nach diesen Richtlinien unterrichten, in neue Sachgebiete einarbeiten müssen. Dazu halte ich die Lehrer Niedersachsens nach ihrer wissenschaftlichen und allgemeinen Bildung für befähigt. Ich erwarte, daß diese zusätzliche Arbeit in unserer Zeit, in der es um den Bestand der freien Welt geht, für die Zukunft der jungen Generation geleistet wird. Auch sie soll in einer Welt leben, in der die Freiheit das oberste Gut ist, in der die Gewalt verworfen wird, in der die Menschenrechte geachtet werden - die Menschenrechte, die den einzelnen erlauben, sich frei zu bewegen, frei zu sprechen, sich frei zu vereinigen, die sie mit allen Mitteln des Rechts gegen die Willkür der Mächtigen schützen. [...]"
Dieses Zitat aus den "Richtlinien für den Unterricht an den Schulen des Landes Niedersachsen", herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusministerium, kann man sicherlich unterschreiben, wenn es um Ziele der politischen Bildung geht.

Und wäre da nicht ein Begriff, der aufmerksame Leser stutzen lässt, nämlich der "Bestand der freien Welt", so wäre es wahrscheinlich nicht sogleich erkennbar, dass es sich hier um eine Textstelle aus den Richtlinien für das Schuljahr 1958/59 handelt, unterschrieben vom damaligen Kultusminister des Landes Niedersachsen, Richard Langeheine. Um den "Bestand der freien Welt" in der von den damaligen Verfassern gemeinten Form geht es im Unterricht des 21. Jahrhunderts nicht mehr, denn damals wurde die Konfrontation des "kalten Krieges" mitgedacht. Diese unmittelbare Bedrohung durch den Ost-West-Gegensatz ist verschwunden und mit ihr die Notwendigkeit der Abgrenzung einer "freien" westlichen Welt gegen eine "unfreie" östliche. Selbstverständlich kommt aber der Kategorie "Freiheit" weiterhin zentrale Bedeutung für die politische Bildung zu. Sie stellt sich nur qualitativ anders dar, bezieht sich nämlich nun auf soziale, ökonomische und informelle Risiken und Chancen in einer globalisierten Welt. Aber zunächst noch einmal zurück zu den Richtlinien für das Schuljahr 1958/59:

"Es hat sich aber auch als notwendig erwiesen, politische Bildung als besonderes Unterrichtsfach, Gemeinschaftskunde genannt, mit eigenen Stunden einzuführen. [...] Als Fach kann sich die Gemeinschaftskunde nicht auf akademische Tradition berufen. Sie wird in ihrem Stoffbereich noch nicht umfassend an den Universitäten gelehrt. Die Dringlichkeit der hier gestellten Aufgabe zwingt dennoch zum sofortigen Handeln im Unterricht."

podium02250 Das damals sog. Fach "Gemeinschaftskunde" ist also mittlerweile 44 Jahre alt, hat inzwischen auch den Namen gewechselt und heißt nun "Politik", womit die vormals doch recht schwammige Bezeichnung durch eine ersetzt worden ist, die konkretere Vorstellungen bezüglich der Inhalte ermöglicht. Diese werden übrigens inzwischen auch durchaus dadurch gewährleistet, dass die Lehrerinnen und Lehrer in diesem Fachbereich sich "auf akademische Tradition berufen" können bzw. dass das Fach "umfassend an den Universitäten gelehrt" wird. Es heißt dort "Wissenschaft von der Politik" und stellt in Kombination mit dem Fach "Soziologie" die Grundlage für die Ausbildung dar. Das Fach wird z.Zt. ab Klasse 9 unterrichtet, hat aber – schon aufgrund der zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden – seinen Schwerpunkt sicherlich in der Oberstufe. Auf die vielschichtige Diskussion der Fachdidaktik in den letzten 30 Jahren einzugehen, ist hier nicht der Ort. So kann der heutige "Stand der Dinge" im Folgenden nur in aller Kürze umrissen werden. Dazu zunächst wieder ein Zitat:

"Die Beschäftigung mit dem, was man herkömmlicherweise unter Politik versteht, macht Jugendlichen in der Regel keinerlei Spaß – und Spaß ist ein hochbesetzter Wert, der mit Lebendigkeit, Gefühl und Intensität verbunden wird. "Politik" gilt als trocken, langweilig, komplex, abstrakt, unüberschaubar, ohne klar vermittelte Orientierung und Werte, also mit großer Beliebigkeit."

noko01250 Dies stammt aus der 12. Shell-Jugendstudie von 1997 und müsste nun eigentlich alle verzweifeln lassen, die das Fach unterrichten. Dass es zunehmend schwer fällt, im Unterricht die Maßstäbe der sog. "Fun-Generation" zu durchbrechen, ist Tatsache, denn für die "Generation @" spielt ja oft nicht einmal mehr das Schlagwort von der "Politikverdrossenheit" eine Rolle, weil man nicht "politikverdrossen" sein kann, wenn "Politik" gar nicht mehr sonderlich interessiert. Nimmt man aber die in der Shell-Studie geschilderte Einstellung junger Menschen ernst, gibt es sicherlich doch Ansatzpunkte für Politikunterricht, sie müssen nur auf einer Ebene gesucht werden, die nicht als "langweilig", "abstrakt" oder "unüberschaubar" gilt.

Möglichkeiten dazu gibt es: Das Fach setzt von seinem Selbstverständnis prinzipiell darauf, am "Alltagsbewusstsein" anzusetzen. Dieses lässt sich aufgrund eigener Erfahrungen der Schüler/innen, aber auch vor dem Hintergrund von Vorurteilen aktivieren. Ob es nun um das eigene Fernsehverhalten geht oder den Umgang mit den sog. Neuen Technologien, um Erlebnisse mit ausländischen Jugendlichen oder in der Welt der Nebenjobs, um die Selbstdarstellung der Parteien in Wahlkampfzeiten oder die Erfahrungen, die mit der Einführung des EURO verknüpft sind: Schülerinnen und Schüler haben in der Regel zu all solchen Aspekten etwas zu sagen, und zwar nicht wenig. An solchen authentischen Erfahrungen kann der Politikunterricht anknüpfen. Sein vorrangiges Ziel besteht dann aber darin, die Selbstverständlichkeit der Einstellungen zu hinterfragen, die sich bei Jugendlichen aus ihren individuellen Erlebnissen und Anschauungen oft ergibt. Schülerinnen und Schüler sollen also lernen, ihre individuelle Welt auch als gesellschaftlichen Prozess zu verstehen, kurz: Alltagsbewusstsein in politisches Bewusstsein zu transformieren. Dass die Einschätzung des ehemaligen Kultusministers Langeheine, viele Lehrkräfte würden sich in neue Sachgebiete einarbeiten müssen, übrigens auch heute noch gilt, kann mit einem Blick auf die derzeit geltenden Rahmenrichtlinien für das Fach veranschaulicht werden.

Einerseits wird dort der Bogen der Inhalte weit gespannt: Neben der quasi "klassischen" Thematik "Demokratie in Deutschland" stehen u.a. sog. "Rahmenthemen" wie "Arbeit und Strukturwandel", "Zukunftsentwürfe: Individuum und Gesellschaft" oder auch "Internationale Politik und Verantwortung". Innerhalb dieser weit gesteckten Rahmen muss dann selbstverständlich das Thema für eine Unterrichtseinheit definiert werden, denkbar wäre für das letztgenannte "Rahmenthema" etwa "Der Nahostkonflikt" oder "Jugoslawien – Zerfall eines Vielvölkerstaates".

Andererseits erfordert der Umgang mit politischen Sachverhalten per se eine ständige Aktualisierung. Lehrende, aber auch Lernende, müssen "auf dem Laufenden" sein, aktuelle Materialien wie Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sendungen oder Internet - Angebote nach brauchbarem Unterrichtsmaterial "durchforsten". Lehrbücher sind aus diesem Grund nur in begrenztem Umfang einsetzbar, etwa wenn es um prinzipielle Betrachtungsweisen, z.B. demokratietheoretische Entwürfe geht. Mit dem letzten Satz soll zugleich aber auch darauf hingewiesen werden, dass der Unterricht trotz des Aktualitätsgebots nicht bei der Behandlung tagespolitischer Einzelereignisse verharren darf. Selbstverständlich müssen aktuelle politische Vorgänge aufgegriffen werden, selbstverständlich besitzen sie jeweils eigene Qualität und Wichtigkeit. Gleichzeitig aber müssen sie auch als Ansatzpunkte verstanden werden, die in größere Rahmen, eben solche prinzipiellen Betrachtungsweisen, oder auch: "Kategorien", eingebunden werden. Neben dem schon genannten Beispiel kann es sich dabei im internationalen Bereich bspw. um grundsätzliche Überlegungen zur Konfliktstruktur handeln.

Dem tragen die Richtlinien dadurch Rechnung, dass sie neben den schon genannten "Rahmenthemen" auf sog. "Schlüsselprobleme" hinweisen, worunter man die erwähnten "Kategorien" verstehen kann. Neben "Frieden und Gewalt" oder "Ökonomie und Umwelt" finden sich hier z.B. auch "Technologischer Wandel" oder "Verhältnis der Geschlechter und Generationen". Um es abschließend an einem skizzierten Beispiel zu verdeutlichen: Die z. Zt. aktuelle Diskussion um eine Rentenreform geht Schülerinnen und Schüler insofern an, als sie diejenigen sind, die später einmal die Renten der jetzt arbeitenden Generation bezahlen müssen. So können derzeit aktuelle Streitpunkte zwischen den Parteien aufgegriffen werden, um, davon ausgehend, mehrere "Kategorien" in die Betrachtung einzubeziehen: die Problematik der Gesetzgebung, der Einfluss der Interessenverbände dabei, das Prinzip der "Sozialstaatlichkeit" oder eben auch – ganz grundsätzlich – das schon erwähnte "Verhältnis der Generationen" zueinander.
Am Andreanum hat der Fachbereich Politik mittlerweile eine sehenswerte Bilanz aufzuweisen: 1989 wurde der erste "LK GK" (= "Leistungskurs Gemeinschaftskunde") eingerichtet, und von diesem Zeitpunkt ab konnte in jedem Jahr (Ausnahme: Abiturjahrgang 1996) ein neuer Leistungskurs stattfinden. Vielleicht muss doch nur ein Wort in der oben zitierten Aussage der Shell-Studie genauer beachtet und bedacht werden:

"Die Beschäftigung mit dem, was man herkömmlicherweise unter Politik versteht, macht Jugendlichen in der Regel keinerlei Spaß [...]".
"Herkömmlicherweise – mglw. wirklich nicht!"